Corona – die Krise in der Krise

Liebe Patientinnen, liebe Patienten,

die Ferienzeit ist zu Ende und die meisten unter uns haben vielleicht doch ein bisschen Urlaub machen können; der Eine mit etwas mehr, der Andere mit etwas weniger stark spürbaren Corona-Einschränkungen.

Trotz der Wiederaufnahme des Präsenzunterichts an den Schulen, der Möglichkeit kleinerer Veranstaltungen von hundert oder hundertfünfzig Teilnehmern oder der Rückkehr vieler Arbeitnehmer aus der Kurzarbeit in das reguläre Beschäftigungsverhältnis, drängt sich das Gefühl auf, dass die Infektionsschutzmaßnahmen noch restiktiver gehandhabt werden als zuvor. Reisende aus bestimmten Destinationen müssen sich noch an Bundesgrenze oder Flughafen einem Corona-Test unterziehen oder sich gleich in 14-tägige Quarantäne begeben; das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes in Geschäften oder öffentlichen Einrichtungen wird noch vehementer eingefordert als vor der Ferienzeit und nun sollen Kinder auf den weiterführenden Schulen auch während des Unterrichts die Maske tragen.

Die Art und Weise der Berichterstattung in unseren Medien in den letzten Wochen und Monaten fördert in erheblichem Maße Verunsicherung und Angst. Die Art und Weise, wie sich Politiker und Promis in der öffentlichen Diskussion um Corona positionieren, ist für einigermaßen Sachkundige und Interessierte befremdlich und vor allem besorgniserregend. Bizarr ist beispielsweise die Inszenierung der “Hobbythek-Ikone” Jean Pütz, der uns in seinem Youtube-Auftritt dazu auffordert, teebaumölgetränkte Läppchen in unseren Mundschutz einzulegen, um so den antiviralen Effekt der Maske noch zu verstärken und dafür über 100.000 Likes bekommt. Der sonst so wache und sozialkritische Kölsch-Rocker und BAP-Frontmann Wolfgang Nidecken glaubt, durch solidarisches Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ein Zeichen gegen rechte Verschwörungstheoretiker auf der Anti-Corona-Demonstration am 01.08.20 in Berlin setzen zu können.

Dass Stellungnahmen von Promis zu spezifischen Themen oftmals peinliche Ausmaße annehmen, ist uns nicht neu. Ebensowenig neu ist uns das Phänomen, dass wenig sachkundige Politpopulisten wie etwa die Herren Spahn und Söder oder der selbsternannte Infektionsepidemiologe Karl Lauterbach in Krisenzeiten ihre Bühne suchen; anmaßend und für uns alle beängstigend ist es allerdings, wenn frei von jeglicher wissenschaftlicher und empirischer Grundlage durch unsere Schul- und Bildungsministerin selbstherrlich und antiföderalistisch unsere Kinder zum dauerhaften Maskentragen verurteilt werden.

Die Dynamik der Pandemie bzw. das, was Politik und Medien aus ihr gemacht haben, hat dazu geführt, dass wir das eigentliche Ziel der anfangs formulierten Infektionsschutzmaßnahmen vollkommen aus dem Auge verloren haben. Alle Experten sind sich darüber einig, dass die allgegenwärtigen Abstrichuntersuchungen weder die Erkrankungshäufigkeit noch die Sterblichkeit der Covid-19-Infektion darstellen können. Ein positives Testergebnis bestätigt allenfalls den Kontakt mit dem Virus, allerdings nicht eine Erkrankung – naturgemäß steigt die Zahl der Infizierten mit der Häufigkeit der durchgeführten Tests. Gleichermaßen unstrittig ist die Tatsache, dass aufgrund von häufigen Fehlern bei der Testdurchführung bzw. einer bei Kindern oftmals vorliegenden Vorerkrankung mit anderen Corona-Viren der Abstrich in hohem Maße falsch negative bzw. falsch positive Befunde hervorbringt.

Trotz der offensichtlich eingeschränkten Verwertbarkeit der Testergebnisse halten das Robert-Koch-Institut und die regierungstreuen Virologen und Epidemiologen unverständlicherweise an diesem Verfahren fest, um Infektionsnester oder Infektionsketten möglicherweise identifizieren zu können – bei Abwesenheit jeglicher Validität des Testverfahrens ein äußerst fragwürdiges Vorhaben. Prof. Christian Drosten räumt gleichzeitig im Rahmen einer Stellungnahme in “Die Zeit” vom 06.08.2020 ein, dass eine langsame Infektionsausbreitung nicht zu verhindern ist, sondern nur das explosionsartige Auftreten von Covid-19-Erkrankungen über Infektionscluster eingedämmt werden müsse. Wenige Tage später erreichen uns dann Informationen darüber, wo aktuell solche Infektionscluster zu finden sind: Nicht in Büros, Restaurants, Bahnhöfen oder Flughäfen, wo nun wieder viele Menschen aufeinander treffen; auch nicht in Kitas oder Schulen und ebensowenig bei Großdemos in Stuttgart oder Berlin und auch nicht in den einschlägigen Touristenhochburgen, wo feierwütige “Covidioten” unter Missachtung jeglicher Infektionsschutzmaßnahmen unseren Zorn auf sich ziehen. Nein – neben der naheliegenden Infektionsübertragung innerhalb der Familien treten die meisten Neuinfektionen dort auf, wo sie am ehesten vermieden werden sollten und wo dementsprechend die Erwartungen an die Effektivität der Infektionsschutzmaßnahmen am höchsten ist, nämlich in den Alten- und Pflegeheimen.

Diese besorgniserregende Entwicklung, die wir gegenwärtig auch in unserem Praxisalltag beobachten können, war freilich bereits zu Zeiten des Lockdowns vorherzusehen. Im April und Mai dieses Jahres postulierten seriöse Experten, dass die Überlastung der Infrastruktur unserer Patientenversorgung vermieden werden muss und gleichzeitig eine langsame, kontrollierte Infektionsausbreitung innerhalb der Bevölkerung über die Sommermonate anzustreben ist.

Durch den wichtigen und richtigen Lockdown konnte erfolgreich der befürchtete Kollaps der ambulanten und stationären Versorgung vermieden werden. Schnell war der Tatbestand einer Krise erfüllt und Politik und Medien riefen dieselbige aus. Bei genauerer Betrachtung der medialen Dynamik in den Wochen nach dem Lockdown zeigt sich aber, dass die Entscheidungen über den größten Teil der restriktiven Infektionsschutzmaßnahmen, wie eingeschränktes Versammlungsrecht, Absagen von Veranstaltungen, Einführung der Maskenpflicht und deren Ausdehnung, nicht von Fachleuten aus Medizin und Wissenschaft getroffen wurden, sondern nahezu ausschließlich von den einschlägig bekannten Politpopulisten.

Zurück in die Praxis: Im Mai dieses Jahres ist es trotz intensivster Infektionsschutzmaßnahmen bei sechs Bewohnern eines Pflegeheims, die durch unsere Praxis betreut werden, zu einer Infektion mit SARS-CoV-2 gekommen. Bei drei Bewohnern verlief die Infektion asymptomatisch, zwei Patientinnen zeigten mittelschwere Krankheitssymptome, eine ältere Dame ist bedauerlicherweise an den Folgen der Infektion verstorben. Im Kampf gegen die regelmäßig auftretende Influenza-Epidemie starten wir bekanntlich in unserer Praxis jährlich eine exzessive Impfkampagne zur Grippeimpfung. Während der Grippewelle 2017/18 verstarben trotz der Verfügbarkeit von spezifischen Grippemedikamenten 12 unserer Patienten an den Folgen der Influenza, darunter nicht ausschließlich Heimbewohner.

Aufgrund einer stetigen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und historischen Aspekten von Pandemien, aber insbesondere auch aufgrund langjähriger empirisch gewonnener Kenntnisse im Rahmen der ärztlichen Tätigkeit sind in unserer Praxis Dynamik und Verlauf von Epidemien gut bekannt. So wissen wir sehr genau, welche Mechanismen eine Epidemie abklingen lassen – daher empfinde ich persönlich die Ignoranz und die regelrechte Glaubwürdigkeitsneurose unserer verantwortlichen Politiker bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher Fachkompetenz als schwerwiegende Bedrohung der Integrität unsereres Gesundheitssystems und letztlich unserer aller Gesundheit.

Was lässt denn nun eine schwere Epidemie, wie wir sie bespielsweise 2017/18 in Deutschland erlebt haben, abklingen? In den Monaten Dezember 2017 bis April 2018 sind bekanntlich in Deutschland über 25.000 Menschen an der saisonalen Influenza verstorben. In Italien waren es im übrigen im gleichen Zeitraum 45.000 Menschen. Bei einer Impfrate von deutlich unter 20% bezogen auf die Gesamtbevölkerung und einer fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit durch eine Impfung vor der Influenza geschützt zu sein, waren im Winter 2018 weniger als 10% der bundesdeutschen Bevölkerung vor einer Influenza geschützt. Bei schlechter Wirksamkeit gegenüber dem saisonalen Virus von 17/18 wurden die beiden gängigen Grippemedikamente zu dieser Zeit eher zurückhaltend eingesetzt. Dies verdeutlicht den Stellenwert von Impfung und antiviralen Medikamenten zur Bekämpfung viraler Epidemien …

Unzählige wissenschaftliche Abhandlungen wie auch Kentnisse auf Lehrbuchniveau, die sich mit dem mittlerweile verpöhnten Begriff der “Herdenimmunität” beschäftigen, zeigen, dass in Abhängigkeit vom Krankheitserreger meist schon eine Immunität von weniger als der Hälfte einer Population ausreicht, um die Infektionsausbreitung zu stoppen. Die klimatischen Bedingungen der Frühjahrsmonate, wie steigende Außentemperaturen und Niederschläge schaffen ungünstige Lebensbedingungen für jegliche Viren und unterstützen somit die Mechanismen der Infektionseindämmung.

Es bleibt zu hoffen, dass zahlreiche Experten recht behalten und die Infektionsraten mit SARS-CoV-2 in Deutschland erheblich höher liegen als die entsprechend vom RKI veröffentlichten Daten. Sollte dies nicht der Fall sein, und die bestehenden Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen hätten tatsächlich zu einer Verhinderung der Infektionsausbreitung des Virus in der Bevölkerung geführt, dann droht in den kommenden Monaten die “Krise in der Krise”. Der Maßnahmenkatalog der Coronaschutzverordnung widerstrebt jeglichem immunologischen und infektionsepidemiologischen Grundverständnis und führt sehr wahrscheinlich zu einer schwehlenden, anhaltenden Infektiösität des Coronavirus. Über einen langen, unbestimmten Zeitraum werden immer wieder Infektionsherde auftreten; asymptomatische junge Menschen werden weiterhin die Infektion in Pflegheime und Krankenhäuser transportieren, Kinder und Jugendliche werden weiterhin Eltern und Großeltern infizieren; zur Risikogruppe gehörende Berufstätige setzen sich der anhaltenden Gefahr aus, durch Kollegen infiziert zu werden usw.

Die in den Herbst- und Wintermonaten bevorstehenden Atemwegserkrankungen und die bevorstehende saisonale Influenza werden bei fortbestehender Covid-19-Infektiosität sowohl die epidemiologische Gesamtsituation in unserem Land unübersichtlich darstellen als auch den Krankheitsverlauf infizierter Patienten erheblich problematisieren.

Wer aktuell noch von einer bevorstehenden bzw. zu verhindernden “zweiten Welle” spricht, hat die Prinzipien und Mechanismen der Infektionsepidemiologie immer noch nicht verstanden. Zu Zeiten der Spanischen Grippe vor über hundert Jahren wurde die Infektion bei deutlich verzögerter interkontinentaler Ausbreitung regelrecht lokal konserviert, bevor sie sich dann doch schrittweise von Kontinent zu Kontinent zeitlich versetzt in mehreren Infektionswellen ausbreitete. Solche Prozesse sind aufgrund der Mobilität der Individuen auf unsere globalisierte Gegenwart nicht mehr zu übertragen.

Seit über einem halben Jahr beherrscht die Diskussion um die Corona-Pandemie unser aller Alltag. Mittlerweile gibt es neben den Biowissenschaften kaum mehr eine akademische Disziplin, die sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt. Uns allen steht es zu, über die politischen Hintergründe, die Darstellungen der Medien, die gesamtgesellschaftlichen Kollateralschäden oder die Inszenierungen von Prominenten, Politikern oder Randgruppen zu diskutieren.

Die ärztliche Verantwortung allerdings erfordert zum Schutze des einzelnen Patienten eine konzentrierte und fokussierte Betrachtung der Infektionslage. Für unseren Praxisalltag bedeutet dies die Zugehörigkeit zur Gruppe der Menschen mit Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung klar zu definieren und diese Patientengruppe deutlich besser als bisher von den Behörden gefordert, zu schützen. Die Aufklärung des Betroffenen selbst, aber auch die entsprechende Integration von Angehörigen bzw. Pflegepersonal sowie genaue Instruktionen zur Einhaltung bzw. Optimierung der notwendigen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen müssen entsprechend umgesetzt werden.

Die ärztliche Verantwortung erfordert weiterhin, dass epidemiologische Fehleinschätzungen und falsche Infektionsschutzmaßnahmen erkannt werden, um eine problematische Entwicklung des Infektionsgeschehens – wie sie sich bereits jetzt schon abzeichnet – abzuwenden.

Daher richtet sich mein ärztlicher Appell auch nicht nur an Behörden, Politiker oder Medienvertreter, sondern insbesondere an unsere Patienten selbst, bzw. deren gesetzliche Vertreter oder Eltern und natürlich nicht zuletzt an alle Schulleiter/-innen, Lehrer/-innen, Erzieher/-innen etc.: Das Fortsetzen von Maßnahmen, die eine Immunisierung von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, aber auch gesunden älteren Erwachsenen gegenüber dem SARS-CoV-2-Virus weiterhin verhindert, gefährdet ältere und chronische Kranke – dies zu missachten zeugt von Ignoranz und ist ethisch-moralisch inakzeptabel.

An dieser Stelle endet der biowissenschaftlich-medizinisch orientierte Diskurs! Die Ausweitung einer Virusepidemie zu einer nationalen und internationalen Krise hat zu einer bisher nie dagewesenen Politisierung einer Gesundheitskrise geführt. Wollen wir unserer ethisch-moralischen Verantwortung gegenüber unseren Kindern, aber auch den chronisch kranken, alten und schwachen Menschen unter uns gerecht werden, dürfen wir weder die politische Diskussion noch behördliche Konfrontationen scheuen.

Herzlichst, Ihr

Dr. Ulfert Schröder