Informationen zum Impfstart

Mit gemischten Gefühlen blicken wir dem bevorstehenden Impfstart in den Arztpraxen entgegen. Denn auch in unserer Praxis werden wir natürlich nach den Osterfeiertagen mit einem sicher zunächst überschaubaren Kontingent an Impfdosen anfangen, einzelne Patienten gegen das SARS -CoV2-Virus zu impfen. Nun muss man mittlerweile kein Querdenker oder Verschwörungs-theoretiker mehr sein, um zu erkennen, dass über ein Jahr Pandemiebekämpfung dazu geführt hat, dass Medien, Politiker aber auch weite Teile der Fachwelt durch die Dynamik der Diskussion um Maßnahmen und Strategien auf einen gefährlichen Irrweg geraten sind. Bekanntermaßen ist den Verantwortlichen dabei die Fähigkeit, auf dem Boden von Basiswissen und aktuellen empirischen und wissenschaftlichen Befunden adäquate, rationale und vielleicht gar kluge Entscheidungen treffen zu können, gänzlich verloren gegangen.

So präsent gegenwärtig Corona-Maßnahmen und Impfstrategien in Medien und Öffentlichkeit auch diskutiert werden – Ärzte in der direkten Patientenversorgung müssen sich jahrein jahraus mit Diagnostik, Therapie und natürlich auch der Prävention von saisonal auftretenden Infektionskrankheiten auseinandersetzen. Daher nimmt naturgemäß die Covid-19-Schutzimpfung – nicht zuletzt im Rahmen der Pandemiebekämpfung – einen bedeutenden Stellenwert ein.

Dabei stellt zunächst die Indikationsstellung zur Impfung für den impfenden Arzt durchaus eine höchst komplexe Herausforderung dar. So sind beispielsweise Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen des Impflings, aber auch soziale Aspekte des Betroffenen zu berücksichtigen; weiterhin Verbreitung, Infektiosität und die Sterberate der Erkrankung, gegen die geimpft werden soll; darüber hinaus natürlich Effektivität, Verträglichkeit, Nebenwirkungsspektrum sowie Datenlage zum Zulassungsverfahren des zur Disposition stehenden Impfstoffes und zu guter Letzt die Erfahrungswerte des Impfarztes mit dem oder den betreffenden Impfstoffen.

Die Diskussion um Indikation, Effektivität, Wirksamkeit, Verträglichkeit und Nebenwirkungsspektrum der zur Verfügung stehenden Covid-19-Impfstoffe ist groß – umso größer dadurch die Verunsicherung des potentiellen Impflings.

Einige Aspekte zu den aktuellen Covid-19-Impfstoffen, die bei der Klärung der Impfindikation Berücksichtigung finden müssen:

  • Die Technologie, die hinter den verschiedenen neuen Impfstoffen steckt, ist innovativ, bahnbrechend und somit höchst beeindruckend. Eine ambitionierte und rasche Weiterentwicklung dieser Impfstoffe ist essentiell.
  • Die Wirksamkeit bzw. Effektivität der zur Verfügung stehenden Impfstoffe variiert, ist aber insgesamt als ausgezeichnet zu bezeichnen; das bedeutet, dass nach Vervollständigung des jeweiligen Impfschemas eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, nicht mehr an Covid 19 zu erkranken.
  • Keiner der aktuellen Impfstoffe führt zu einer sogenannten sterilen Immunität, das bedeutet, nach abgeschlossener Impfung ist der Impfling bedauerlicherweise weiterhin infektiös.
  • Aufgrund der vermeintlich drängenden Zeit wurden die verschiedenen Phasen der klinischen Prüfung der Impfstoffe zum Teil stark verkürzt, bzw. teleskopiert. Darunter versteht man, dass die Phasen nicht hintereinander sondern parallel durchgeführt wurden.
  • Durch die fehlende jahre- bzw. jahrzehntelange Impfstofferprobung existieren keinerlei Erfahrungen über mögliche Langzeitschäden durch die Impfung.
  • Die ersten Erfahrungswerte mit dem BioNTec-Impfstoff zeigen, dass dieser bei älteren und hochbetagten Menschen mit schweren Grunderkrankungen oft sehr schlecht vertragen wird; Erfahrungswerte zur Verträglichkeit bei jungen Menschen liegen nicht vor.
  • Die ersten Erfahrungswerte mit dem AstraZeneca-Impfstoff zeigen, dass es bei jungen Menschen selten zu sehr schweren Impfkomplikationen kommen kann; Erfahrungswerte mit diesem Impfstoff bei alten, schwer kranken Menschen liegen nicht vor.

Unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Kenntnisstandes zu Häufigkeit der Covid-19-Erkrankung, der Krankheitsverläufe, deren Sterblichkeit und den oben genannten Aspekten zu den gegenwärtig verfügbaren Impfstoffen kommen wir zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Eine Indikation zur Impfung gegen Covid 19 von gesunden Menschen unter 60 Jahren sehen wir nicht.
  • Eine Indikation zur Impfung von Menschen unter 60 Jahren mit gut eingestellten chronischen Grunderkrankungen wie beispielsweise einem leicht erhöhten Blutdruck, einem leichten Asthma, leichtem Übergewicht, gut eingestelltem Diabetes, sehen wir ebenfalls nicht.
  • Bei jungen Menschen unter 60 Jahren mit schwerwiegenden Grunderkrankungen muss die Indikation zur Impfung kritisch und differenziert im Einzelfall geprüft werden. Die diesbezüglichen Hinweise in der Coronavirus-Impfverordnung der Bundesregierung sind hier wenig hilfreich.
  • Die Indikation zur Impfung von gesunden Menschen zwischen 60 und 80 Jahren sehen wir aufgrund der zu erwartenden noch hohen Lebenserwartung ebenfalls nicht.
  • Die Indikation zur Impfung von Menschen zwischen 60 und 80 Jahren mit chronischen Grunderkrankungen muss individuell geklärt werden.
  • Eine klare Indikation zur Impfung sehen wir bei gesunden Menschen ab 80 Jahren.
  • Menschen ab 80 Jahren mit mittelschweren und schweren chronischen Grunderkrankungen sollten hingegen keinesfalls geimpft werden.

Es versteht sich in der gegenwärtigen Situation von selbst, dass grundsätzlich immer die Indikation zur Impfung individuell unter genauester Nutzen-Risikoabwägung gestellt werden muss. Dies ist im Rahmen der hausärztlichen Versorgung sicherlich eher zu gewährleisten als im Impfzentrum.

Unsere Mitarbeiterinnen werden in den nächsten Wochen unter Berücksichtigung der oben formulierten Kriterien zur Impfpriorisierung und natürlich auch nach Verfügbarkeit von Impfstoffen mit unseren Patienten Kontakt aufnehmen, um einen anschließenden Impftermin zu vereinbaren. Selbstverständlich existiert in der Praxis auch eine Liste, in welche sich Impfwillige eintragen lassen können.

Beim Impftermin werden zunächst im Rahmen des obligatorischen Aufklärungsgespräches die vom Hersteller des betreffenden Impfstoffs genannten Nebenwirkungen und Komplikationen erörtert. Unter der besonderen Berücksichtigung des Risikopotentials der aktuell zur Verfügung stehenden Impfstoffe ist es uns ein besonderes Anliegen, dass der Impfling nicht nur die Indikation zur Impfung bzw. das ggf. erhebliche Risiko für Nebenwirkungen und Spätkomplikationen der Impfung zur Kenntnis genommen, sondern dieses auch im Detail verstanden hat.

Die Motivation des Impflings nach der Impfung wieder uneingeschränkt ein Einkaufszentrum oder ein Lokal aufsuchen oder unbeschwert eine Urlaubsreise antreten zu können, zeigt dabei an, dass der Betroffene den Kontext bzw. die Tragweite einer Impfung gegen Covid 19 eher nicht verstanden hat.

Herzlichst, Ihr

Dr. Ulfert Schröder